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Unterwegs auf der „Gräberpiste“ und in Südalgerien
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Hochsommer und Schulferien kamen und wir, das sind
Ulli und Ferry aus St. Pölten (bei Wien), Heidi und Hucky aus Rhadern
(bei Korbach) sowie die Verfasser aus Kassel, machten uns am 28. Juni 2002
auf den Weg nach Genua, um dort die allseits geschätzte Fähre „Carthage“
nach Tunis zu nehmen. Unter den Mitreisenden auf dem prall gefüllten
Schiff waren kaum Sahara-Fahrer mit Geländewagen, so dass wir davon
ausgehen konnten, die Wüste (fast) für uns alleine zu haben.
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Tunesien war schnell durchquert
und die Einreise nach Algerien erwies sich gegenüber früheren Jahren
als erfreulich unkompliziert. Nicht nur die freundlichen Grenzbeamten hießen
uns nach den touristenarmen Jahren (wegen des langen Bürgerkrieges im
Norden Algeriens) herzlich willkommen:
Nach ca. 800 km Teerstraßenfahrt über El-Oued und Hassi-Messaoud
füllten wir in Hassi bel Guebbour unsere Wasserkanister (160 l) und
alle Dieseltanks (270 l), denn wir hatten eine Strecke von ca. 1.200 km Pisten
und Gelände vor uns, ohne Tankmöglichkeit und mit unsicherer Wasserversorgung
(man weiß besonders im Sommer nie, ob ein Brunnen Wasser führt).
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An der Abzweigung „Les 4 Chemins“ beginnt eine alte Verbindungsstrecke,
die wegen des Ausbaus östlich gelegener Strecken heute kaum noch Verkehrsbedeutung
hat - dafür aber landschaftlich zu den reizvollsten Strecken gehört:
steile Tafelberge mit tiefen Schluchten, wilde Felsformationen, grüne
vegetationsreiche Trockentäler, weite Ebenen und vor allem die malerischen
Dünen mehrerer Ergs – nahezu alles, was die Wüste an Reizen zu
bieten hat, ist vertreten.
Von Touristen wird die Strecke etwas salopp „Gräberpiste“ genannt.
Nicht etwa wegen zu Tode gekommener Touristen (obgleich die Region wegen
der über 20 Touristen, die zunächst als verschollen galten und
später als entführte Opfer zum Teil monatelang verschwunden blieben,
aktuell eine etwas makabere Berühmtheit erlangt hat), sondern einerseits
wegen der vielen Einzelgräber, die wohl von Nomaden oder Karawanenreisenden
aus einer Epoche stammen, als die Gegend noch fruchtbarer war, und andererseits
wegen der großen Grabfelder rechts und links am Wegesrand. Die Grabfelder
stammen aus den äußerst blutigen Kämpfen zwischen den französischen
Legionären und den Senoussi, den ärgsten Widersachern der Kolonialmacht
Frankreich. Dort finden sich christliche Gräber gleich neben muslimischen
Sammelgräbern, die zum Teil durch eine aus Steinen auf dem Boden ausgelegte
„Nomadenmoschee“ mit gen Mekka gerichteter Gebetsecke ergänzt sind.
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Da wir „Nicht-Lehrer“ noch nie im Hochsommer in der Sahara waren, machte
uns die Hitze mit 45 bis 50° C im Schatten (den gibt's meist nur unter
dem Auto) in den ersten Tagen ziemlich viel zu schaffen. Erst als wir mit
einer ausgeliehenen Blumenspritze Kopf und Oberkörper regelmäßig
anfeuchteten und so den Fahrtwind nicht als glühendheißen Fön,
sondern mehr als kühlende Prise empfanden, obendrein unsere Trinkwasserflaschen
in feuchte Handtücher wickelten und so die Trinktemperatur auf „kühle“
30° C senkten (das geht mit Bierdosen genauso gut!) und uns schließlich
zwangen, auch mittags etwas zu essen, um nicht vollends „schlapp zu machen“,
hatten wir wieder Spaß an der Reise. Dank dieser einfachen Maßnahmen
verliefen die restlichen 4 Wochen noch sehr vergnüglich.
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Da der Wasserverbrauch sich
pro Person auf 8-10 l täglich erhöhte (im Winter reichten 3-4 l),
freuten wir uns über jeden wasserführenden Brunnen - auch wenn
er erst noch im Bau war. Helfen konnten wir bei der großen Hitze den
Brunnenbauern auf dem Foto nicht – aber für unsere Zigarettenspende
waren sie sehr dankbar.
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An einem intakten Brunnen trafen wir auf
Nomaden mit ihren Dromedaren. Nach der üblichen Tee-Zeremonie (3 Gläser
Tee für jeden) brachten sie uns ihre defekte Motorwasserpumpe in der
Hoffnung, die nicht geringen Wassermengen für die Tiere bald wieder
mit der Pumpe und nicht mehr mit dem Eimer aus dem tiefen Brunnen zu holen.
Wir wollten sie nicht enttäuschen und uns natürlich auch die Schöpfarbeit
ersparen. Obwohl wir mit Zweitaktmotoren besser klarkommen als mit Schöpfeimern,
brachten wir den Motor mangels Ersatzteil leider nicht zum Laufen.
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Die Gräberpiste endet
an dem kleinen Erg Amguid, der wie ein zusammengewehter, langgestreckter
Sandhaufen zwischen den Bergzügen liegt. Wir wählten die westliche
Umfahrung des Ergs, die auch von den zahlreichen Schmugglern befahren wird,
da die voll beladenen Fahrzeuge dort sehr schnell und vor allem in genügender
Entfernung von dem Militärposten Amguid nach Norden vorankommen. Jedes
Mal, wenn wir solche Geländewagen sichteten, drehten die Fahrer ab und
gaben Vollgas, denn wir hätten ja auch von der Polizei oder vom Militär
sein können. Dass man auf dem glatten Sand sehr schnell fahren kann,
haben wir dann auch mal ausprobiert.
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Wir nahmen eine abwechslungsreiche
Strecke entlang dem Teffedest Gebirge, dessen höchster Gipfel „Garet
el Djenoun“ (2330 m) ein mystischer Geisterberg der Touareg ist. In den Sommermonaten
kann man ihn wegen der enormen Staubentwicklung, unter der nicht nur wir
sondern vor allem auch die Fotos gelitten haben, kaum erkennen.
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Zur Mittagszeit erreichten
wir die Oase „Mertoutek“ in 1450 m Höhe. Bei kühlen 33° C
empfing uns der Bürgermeister mit etlichen Familienmitgliedern ganz
herzlich. Bald war das halbe Dorf in und um seine Hütte aus Schilfblättern
(Zeriba) versammelt und wir wurden den Nachmittag über mit Tee, Couscous
und Orangensaft verwöhnt. Als Gastgeschenke übergaben wir den beliebten
grünen Tee und den begehrten Würfelzucker. Der Bürgermeister
ließ es sich nicht nehmen, die im Sommer seltenen Gäste höchstpersönlich
zu den wirklich schönen steinzeitlichen Felsmalereien am Talende zu
führen. Die Besichtigungsgebühr bezahlten wir gerne an den netten
Gastgeber.
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Bei „In Amguel“ trafen
wir nach knapp 1.200 km auf die Teerstraße und die Tankstelle. Der
Verbrauch hielt sich mit gut 15 l/100 km erfreulicherweise in Grenzen. Von
Tamanrasset aus machten wir uns auf die ca. 200 km lange „Assekrem Rundfahrt“,
die durch das wunderschöne Hoggar Gebirge geht. Bis zur Überquerung
des Assekrem Pass (2585 m) führt die Strecke an etlichen Vulkandomen
vorbei, deren durch Erosion freigelegte Basaltkerne als Stelenbündel
in den Himmel ragen. So z. B. der „Iharen“, der Hausberg von Tamanrasset.
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Wenn man die 20 % Steigung bis zum Pass geschafft
hat, erwartet die Reisenden die nächsten 50-60km eine mörderisch
schlechte und steile Piste durch die Berge. Entschädigt wurden wir für
die Rüttelei mit wundervollen Ausblicken, z. B. auf den zuckerhutförmigen
Basaltgipfel „Ilamane“.
Leider brach auf der „Folterstrecke“ an Ferrys Toyota die linke hintere
Blattfeder. Aber er erreichte, die Feder notdürftig geschient, tatsächlich
aus eigener Kraft Tamanrasset. Dort, bei einem begnadeten Mechaniker, der
mal eben für einen vernünftigen Preis eine neue Blattfeder schmiedete
und einpasste, wurde das Auto wieder instandgesetzt. Zerrissene Reifen und
verbeulte Felgen werden dort ebenfalls kunstvoll repariert, denn neue Ersatzteile
sind in den Wüstenoasen Mangelware.
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Von Tamanrasset fuhren
wir auf der südlichen Umfahrung des Hoggar Gebirges, der sogenannten
Schmugglerpiste, die auf keiner offiziellen Karte eingezeichnet ist, in
Richtung Djanet. Zunächst bis zur archäologischen Stätte „Youf
Ahakit“ mit berühmten Rinder- und Spiralgravuren und spektakulären
Felsformationen. Die Felsen haben die Form von Pilzen oder von steil aufragenden
Orgelpfeifen, die Oberfläche runzelig wie Elefantenhaut.
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Ein besonders schöner
Abstecher führte uns weiter nach Süden in das Oued Tagrira, dessen
Eingangsbereich von einem monumentalen Felsentor beherrscht wird.
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Die Fläche
ist von dem ehemals sehr breiten Fluss „Tagrira“ eingeebnet. An den Rändern
sind die Felsen häufig vom Sand überweht. Dort fanden wir einen
schönen, geborgenen Lagerplatz mit herrlichem Ausblick in die Ebene.
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Unser ständiger Begleiter in Richtung Nordost war nun das Oued Tadant
und dann das Oued Honadj. Mehrere Pisten führten auffällig in Richtung
Norden: alle trafen an einer Stelle zusammen, dem Eingang in eine enge Schlucht.
An deren Aufweitung zu einem Tal liegt der wasserreiche „Schluchtbrunnen
von Honadj“. Wir waren nicht die einzige durstige Gruppe dort: Nomadenfrauen
zogen Eimer für Eimer das Wasser für die vielen Ziegen, Esel und
Dromedare, die geduldig in genau dieser Reihenfolge anstanden, aus dem
ca. 10 m tiefen Brunnen. Wir waren ihnen beim Wasserholen behilflich und
füllten dann auch unsere Wasserkanister auf.
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Im Gegenzug für die uneigennützige
männliche Hilfe restaurierten die Nomadenfrauen bei den Europäerinnen
das offenbar nicht ihren Qualitätsvorstellungen entsprechende Make-up
mit Hilfe des Kajalstiftes.
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Vor der Oase Djanet liegt
für die aus Westen kommenden Reisenden wie ein schmaler, aber ca. 150
km langer Sperrgürtel der Erg Admer, der nur an wenigen Stellen und
mit einiger Anstrengung von schweren Fahrzeugen zu überqueren ist. Der
lange steile Anstieg bis zum Scheitelpunkt der Dünen war auf dem unterschiedlich
tragfähigen Sand nur mir sehr viel Anlauf und gnadenlosem Vollgas zu
schaffen. Belohnt wurde die Auffahrt mit einem schönen Übernachtungsplatz.
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Bereits einige Zeit vor der Dünenüberquerung leuchtete in unserem
Land Rover die Ladekontrolllampe ständig auf und der Wagen sprang mangels
genügend Strom aus eigener Kraft nicht mehr an.
Da der Dieselmotor während der Fahrt kaum Strom benötigt, war
das nicht weiter problematisch - bis wir in Djanet einfuhren und beim Tritt
auf die Bremse die Bremslichter so viel Strom verbrauchten, dass der Motor
mitten auf der Hauptstraße einfach stehen blieb. Mit Starthilfe ging's
bis zum Campingplatz und die ausgebaute Lichtmaschine wies einen völlig
abgenutzten Kohlestift auf. Passendes Ersatzteil: keine Chance! Also feilte
und lötete ein begabter örtlicher Autoelektriker aus Schrottteilen
einen brauchbaren Kohlestift zusammen, der tatsächlich bis fast nach
Kassel halten sollte. Leider nur fast, da wir auf der Heimreise in tiefer,
dunkler Nacht mit der nun endgültig kaputten Lichtmaschine ohne einen
Funken Licht am Auto in einer hell erleuchteten Oase in Form einer 24-Stunden-Tankstelle
im schönen Fritzlar stranden sollten.

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Bis es dazu kam, konnten
wir uns noch in der echten Bilderbuchoase Djanet erholen und auf dem kleinen
Markt unsere Vorräte wieder auffüllen.
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Die Autos vollgetankt, ging die Reise nach Norden
weiter durch das Gebirge Tassili N’ Ajjer mit seinen skurrilen Felsformationen
und den Tausenden von Felszeichnungen.
Ein besonders gut erhaltenes Zeugnis aus vorislamischer Zeit, ein sogenanntes
Schlüssellochgrab, ist in der Nähe von Djanet zu bewundern.
Nach der Durchquerung des Tassili N’ Ajjer erreichten wir die neu gebaute
Teerstraße, die dem extrem trockenen und bis vor wenigen Jahren mörderisch
holprigen „Plateau du Fadnoun“ (leider) seinen Schrecken genommen hat.
Da wir noch etwas Zeit hatten, nahmen wir die Route nach Hassi-Messaoud
über den kleinen Ort „Deb-Deb“ auf der alten, heute weitgehend verwehten
Teerstraße durch den Grand Erg Oriental, eines der großen, zusammenhängenden
Dünengebiet Algeriens. Da man wegen der Sandverwehungen sowieso meistens
neben der Straße im weichen Sand fahren musste, war die Strecke ziemlich
anstrengend und jeder blieb irgendwann aus Unachtsamkeit stecken und durfte
sein Auto (mit solidarischer Hilfe) frei schaufeln.
An der alten Karawanenroute, nicht weit von der Straße, liegt oberhalb
eines tiefen Brunnens das alte Fort „Sif Fatima“.
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Aus Lehmziegeln erbaut, steht die kleine,
gut erhaltene Anlage heute leer. Sie diente zur Kolonialzeit den französischen
Legionären als Stützpunkt für die Sicherung/Kontrolle der
Karawanenrouten und der Brunnen. In Richtung Norden bis zur großen
Oase El-Oued finden sich jeweils im Abstand von 60 bis 80 km, immer an einem
Brunnen gelegen, weitere mehr oder weniger gut erhaltene Forts.
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Die Weiterfahrt über Hassi-Messaoud, dem Erdölzentrum Algeriens,
und El-Oued, der Hauptoase des „Souf“ mit seinen „Trichteroasen“, bis zum
Grenzort Taleb Larbi war dann Routine.
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Als wir in Tunis die nicht sehr volle
„Carthage“ nach Genua bestiegen und auf dem Sonnendeck mit dem ersten kühlen
Bier auf die gelungene Reise anstießen, begannen wir bereits die manchmal
beklagte Hitze und den Staub der Wüste zu vermissen. Und so schmiedeten
wir sofort Pläne für die nächste Wüstentour in 2003:
Marokko und Mauretanien sollte es sein - und so geschah es dann auch.
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Unsere Meinung zu der Frage:
Sollen Geiseln nach ihrer Befreiung an den Kosten beteiligt werden?
In Südalgerien, im Bereich der „Gräberpiste“,
sind im Frühjahr 2003 einige Reisende aus Deutschland, Österreich,
der Schweiz, Holland und Schweden entführt und zum Teil über mehrere
Monate in Geiselhaft genommen worden.
Auch wir hielten uns in diesem Gebiet auf – glücklicherweise schon
im Sommer 2002. Glücklicherweise deshalb, weil wir genauso ahnungslos
und ohne jegliche Vorwarnung in die Falle gefahren wären. Diejenigen,
die ihre Entführung lebend überstanden haben, sollen nun neben
den schlimmen Erlebnissen obendrein auch noch zur Kasse gebeten werden.
Nicht wenige Politiker und Journalisten stellen in den Medien stellvertretend
für den „rechtschaffenen Staatsbürger“ die immergleiche Frage:
Sollen Geiseln nach ihrer Befreiung an den Kosten beteiligt werden?
Die Frage ist an und für sich gar nicht so schlecht, zielt sie doch
durch die allgemeine Formulierung nicht nur auf die „Sahara-Geiseln“ sondern
auf alle Opfer, die gezielt oder zufällig in die Hände von Gangstern
zum Zweck der (Lösegeld) Erpressung fallen. Kosten für die Befreiung
fallen fast immer an. Nur wird wohl kaum jemand ernsthaft die abstruse Forderung
aufstellen, dass die befreite Geisel z. B. eines Bankräubers sich auch
noch an den Kosten der Befreiungsaktion beteiligen soll.
Nicht so bei den „Sahara-Geiseln“. Hier gilt plötzlich die Vernunft
und das Solidaritätsprinzip nichts mehr. Auf die bei einer Umfrage gestellte
Frage „sollen Geiseln nach ihrer Befreiung an den Kosten beteiligt werden?“
lautete eine der angebotenen Antwortmöglichkeiten: „eine Geiselnahme
ist schlimm genug, wer so etwas überstanden hat, sollte nicht noch mit
Rechnungen überhäuft werden“. Diese fand aber kaum Zustimmung.
Nicht so die andere Antwortmöglichkeit: „wer sich wissentlich in gefährliche
Gebiete begibt, muss damit rechnen, später zur Kasse gebeten zu werden“,
sie wurde massenhaft unterstützt.
Dabei ist die letztgenannte Antwort auf die in der Überschrift formulierte
Frage in höchstem Maße populistisch und im Bezug auf die Sahara-Geiseln
(auf die sich die sehr allgemein gehaltene Frage in Wahrheit bezieht) schlichtweg
falsch.
Würden die selbsternannten Richter sich die Mühe machen, in
dieser Sache etwas genauer zu recherchieren, wüssten sie, dass die erfahrenen
und bestens ausgerüsteten "Sahara-Geiseln" keinesfalls WISSENTLICH
in gefährliche Gebiete gefahren sind. Ganz im Gegenteil - das Sahara-Gebiet,
das von den heute glücklicherweise Befreiten bereist wurde, galt sowohl
offiziell (Auswärtige Ämter) als auch inoffiziell (Reiseagenturen,
Saharafahrer etc) nicht als gefährlich im Sinne von Terror, Entführung
oder anderer Gewaltpotenziale. Aktuelle Reisewarnungen existierten nicht!
Aus diesem Grunde ist das meist unterstellte wissentliche Inkaufnehmen
einer erheblichen Gefahr schlicht und einfach falsch. Diese Behauptung
dient allenfalls zu einer äußerst fragwürdigen Manipulation
der öffentlichen Meinung in Verbindung mit Desinformation.
Die Frage, ob Geiseln sich an den Kosten ihrer Rettungsaktion beteiligen
sollen, wenn sie sich wissentlich (also die erhebliche Gefahr kennend)
in gefährliche Gebiete oder Situationen begeben haben, würden
wir wegen des generellen Charakters dieser Frage durchaus mit „ja“ beantworten.
„Eine Geiselnahme ist schlimm genug, wer so etwas überstanden hat,
sollte nicht noch mit Rechnungen überhäuft werden“. Diesen Satz
bejahen wir ganz eindeutig im Zusammenhang mit Geiseln, die ohne eigenes
Verschulden zu solchen geworden sind - wie z.B. die "Sahara-Geiseln".
In der HNA vom 13.09.2003 findet sich zu dem Thema ein einziger kritischer
Leserbrief, der sich mit der zuvor als Umfrage getarnten Hetzkampagne gegen
Menschen, „die unter Reisen etwas anderes verstehen als den täglichen
Kampf um eine Sonnenliege am Pool eines All-Inclusive-Ghettos“ auseinandersetzt.
Die unsere Überzeugung offenbar teilende Leserbriefschreiberin schließt
mit einer pikanten Pressenotiz am Rande: „Die australische Regierung hat
wegen der Gefahr terroristischer Anschläge eine Reisewarnung für
die Bundesrepublik herausgegeben. Urlaub in Deutschland - bodenloser Leichtsinn!
Was nun?“
Unsere Antwort darauf ist klar: Die Sahara ist riesengroß und in
vielen Regionen nicht gefährlicher als andere „beliebte“ Urlaubsziele
- einschließlich Deutschland.
So waren wir im Sommer 2003 mit Freunden in Marokko und Mauretanien unterwegs
– unbeschadet aber um etliche schöne Erfahrungen reicher.
Heide Roll
Frank Kresse
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